1.11.2022

Wir trauern um unsere Vereinsgründerin

Rosi Wolf-Almanasreh de Carvalho Esteves


Nachruf

Rosi Wolf-Almanasreh de Carvalho Esteves

19.02.1941 – 30.10.2022

Wir trauern um die Gründerin unseres Verbandes, um unsere langjährige Bundesvorsitzende und erste Bundesgeschäftsführerin. Am 30. Oktober 2022 verstarb Rosi Wolf-Almanasreh de Carvalho Esteves im Alter von 81 Jahren. Wir werden sie schmerzlich vermissen. Wir sind in Gedanken bei ihrer Familie, den Freund:innen und Weggefährt:innen.

Rosi gründete unseren Verband 1972 als IAF - Interessengemeinschaft der mit Ausländern verheirateten deutschen Frauen. Damit bündelte sie ihre langjährige Diskriminierung, Ausgrenzung und Verletzungen aufgrund ihrer Liebesbeziehung mit einem arabischen Mann. Sie wollte hierzu nicht mehr schweigen, sondern vielmehr grundgesetzlich garantierte Rechte für sich und andere Frauen in Anspruch nehmen. Dies war nicht nur eine Entscheidung, die im Kopf erfolgt, sie kommt aus dem Bauch und aus dem Herzen. So hörten wir sie oft sprechen, wenn sie von den Anfängen berichtete.

Sie fand rasch Mitstreiterinnen und etablierte eine bundesweite Struktur. Sie konnte überzeugen, motivierte andere Frauen, sich zu engagieren. Du kannst das auch, war ihre Devise. Schau mich an. Ich komme aus einfachen, provinziellen Verhältnissen, durfte nicht studieren, habe früh geheiratet, Kinder bekommen, habe gearbeitet und hatte verdammt wenig Zeit mich mit gesellschaftspolitischen Themen zu beschäftigen, obgleich sie mich interessierten.

Rosi sprühte vor Ideen, diskutierte leidenschaftlich, hörte zu, stellte Fragen über Fragen, nahm sich Probleme anderer an. Sie analysierte Sachverhalte messerscharf und war kompromisslos, wenn sie Ungerechtigkeiten wahrnahm. Viele dieser Ungerechtigkeiten machte sie auf der gesetzlichen Ebene aus. Sie betrat damit Neuland, denn ausländerrechtliche Fragen familiär und binational zu betrachten, kam in keinem juristischen Seminar vor. Zusammen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für Frauenrechte, konnte der Verband erreichen, dass auch mit Ausländern verheiratete deutsche Mütter ihre Staatsangehörigkeit an ihre Kinder weitergeben können.

Der Verband entwickelte sich unter ihrer Führung zu einer Organisation, die sich in diesen Fragen nicht nur schlau machte, sondern ihre Erkenntnisse publizierte, Ratgeber für binationale Paare und Familien veröffentlichte, dabei die Lebenssituation der „ausländischen“ Bevölkerung einbezog. Eigens hierfür studierte Rosi als Erwachsene Jura und qualifizierte sich in diesen Rechtsfragen. Ebenso erkannte sie die Bedeutung von „interkultureller Kommunikation und interkultureller Öffnung“ und thematisierte damit schon früh, was wir heute unter diversitätssensibler oder rassismuskritischer Arbeit weiterführen. Diese Themen sollten sie ihr gesamtes Leben beschäftigen.

Rosi war Vorreiterin in all diesen Fragen und nahm jede Herausforderung an. So war es nur folgerichtig, dass sie 1989 die Leitung des neu geschaffenen Amtes für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt übernahm. Das AMKA war das erste dieser Art in Deutschland, das Rosi mit dem damaligen ehrenamtlichen Dezernenten im Magistrat der Stadt, Daniel Cohn-Bendit, aufbaute. Dort arbeitete sie bis zu ihrem Renteneintritt.

Rosi war laut, wenn sie etwas zu sagen hatte. Sie wurde öffentlich gut wahrgenommen und wurde für ihr Engagement gewürdigt. Bereits 1978 wurde ihr die Elisabeth-Norgall-Medaille verliehen, 1985 erhielt sie den Fritz-Bauer-Preis für ihr unbequemes und unerschrockenes Eintreten für Gerechtigkeit und Menschlichkeit, 1987 wurde sie vom Bundespräsidenten für ihre Dienste im „Kampf gegen Diskriminierung von Ausländern und der mit ihnen verheirateten deutschen Frauen“ ausgezeichnet und am 05. Dezember 2005 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr lebenslanges ehrenamtliches Engagement verliehen.

Nach ihrem Renteneintritt zog Rosi mit ihrem damaligen Ehemann nach Portugal, wo sie bis wenige Wochen vor ihrem Tod lebte und wirkte.

Rosi und der Verband binationaler Familien und Partnerschaften sind voneinander nicht zu trennen. Sie legte das Fundament und baute das Gerüst, damit der Verband hierin wachsen konnte. Er veränderte sich im Laufe der Jahre – ganz im Sinn von Rosi, denn Stillstand war nie ihr Ding.

Liebe Rosi, vielen Dank für dein tatkräftiges und unermüdliches Wirken.

Wir werden dich vermissen.

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